Wir sind die dunklen Blüten

einer zivilisierten Gesellschaft

schreibt Nathaniel Hawthorne in seinem Roman

Der scharlachrote Buchstabe


 

Wir rebellieren weiterhin gegen die brutale Heuchelei innerhalb des Puritanismus.
Die Kunst hat für immer die Kraft der wilden Natur verloren.
Wir sind vorsichtiger, dümmer und leichtgläubiger geworden. Feigheit und Puritanismus sind sehr aggressiv.
Früher war es Religion. Jetzt ist es Ideologie.
In der Zeit, in welcher
Der scharlachrote Buchstabe spielt, waren Religion und Recht eins. Heutzutage scheinen Ideologie und Recht das gleiche zu wollen, und es wird verlangt, dass die Kunst eine Ideologie ist, wodurch sie mit dem Recht gleichgesetzt wird.

Leider wird der Gott Pan, ein wunderbares Symbol für männliche Kraft und sexuelle Lust, nie wieder dabei gezeigt werden, wie er Tiere, Jugendliche und Nymphen penetriert. Auch kann nicht gezeigt werden, wie der Knabe Eros komplett unbekleidet einen Finger in die Vagina der Venus steckt, wie ein erigierter Stier eine wunderschöne nackte Frau vergewaltigt oder wie es Pygmäen anderen Pygmäen von hinten besorgen. Denn die Prüderie ergründet die obszöne Ursache von Befruchtung und Vermehrung nicht. Sie verschleiert unseren genitalen Ursprung und die Tatsache, dass das Leben und die Liebe der Begierde entspringen, den schmutzigen, heftigen Bewegungen zwischen Penissen und Vulven, die als Folge einer hemmungslosen und heftigen Leidenschaft interagieren. Außerdem erkennt sie die sexuellen Wurzeln unserer Freuden und Leiden nicht an.

Mit diesem scharlachroten Buchstaben tauchen wir in die Albträume ein, die uns prägen, in das Bedürfnis nach Schuldgefühlen, denen wir nicht entkommen können, um uns gegen Gesundheitswahn und Ordnung aufzulehnen.
Ein Aufschrei der unendlichen Liebe als eine Flagge, eine Opfergabe an die Leidenschaften.

Angélica Liddell





MQ Wien / Mai 2019
Wiener Festwochen