Rede für Erika Pluhar

Rede von André Heller, gehalten am 20. Dezember 2007
zur Verleihung des Billy-Wilder-Awards im Wiener Gartenbaukino



 

Liebe Erika, illustre Gäste,
gestatten sie mir einige etwas unfrisierte Gedanken.

Würde man versuchen, die Wurzel aus dem zu ziehen, was halbwegs informierte Menschen als Bild von Erika Pluhar besitzen, erhielte man wahrscheinlich folgendes Ergebnis: eine ungewöhnlich gut aussehende Frau mit einer der schönsten Stimmfärbungen des deutschen Sprachraumes, eine seit Jahrzehnten gesellschaftspolitisch engagierte, erfolgreiche Autorin zahlreicher Bücher, Sängerin und Konzertkünstlerin mit eigenen Liedern, die früher einmal eine berühmte Schauspielerin war.

Außerdem weiß man von einem interessanten Privatleben, um das sie aber niemand wirklich beneidet, weil es auch nicht zu knapp mit Tragödien angereichert war. Diese Einschätzung stimmt auch bis zu einem gewissen Grad, aber der Lebensleistung dieser äußerst bemerkenswerten Dame wird sie doch nicht gerecht. Ich darf wirklich, ohne zu erröten, behaupten, unter denen, die von Erikas Freunden noch leben, ihre Wege in den vergangenen vierzig Jahren am vielleicht genauesten unter der Lupe betrachtet zu haben. Ich habe mir seinerzeit den Zutritt zu Erikas Biografie im wahrsten Sinn des Wortes erkauft, in dem ich mein gesamtes Erbe aus der Schokoladenfabrik Heller – damals 800 000 Schilling – unter dem unsäglichen Pseudonym André Miriflor 1967 in die Koproduktion eines Kinofilms gesteckt habe, der anschließend nicht einmal in die Lichtspielhäuser kam, zu seiner Zeit ein strahlender Misserfolg war und den Sie heute Abend sehen werden. Er heißt: Moos auf den Steinen und war ein Projekt von Georg Lhotzky; angeblich ist er retrospektiv für Filmfachleute jene Wegmarke, die eine Abkehr vom österreichischen Zelluloid- Antl-Tum bedeutet. Mir soll es recht sein.

Ich habe damals als 19-jähriger jedenfalls nicht an die Zukunft des österreichischen Films geglaubt, sondern lediglich an das Gesicht der Hauptdarstellerin – Erika Pluhar. Und mein Erbe zu verpulvern für die Chance IHR vorgestellt zu werden, schien mir noch eine ziemlich günstige Angelegenheit. Erika war damals der konkurrenzlose junge weibliche Star am Burgtheater und das Burgtheater haben meine Avantgardefreunde und ich selbstverständlich verachtet, und mein Plan war, diese 27-jährige Bühnengöttin aus der Unwürdigkeit des für mich reaktionären Haeussermann-Reiches zu retten, um sie als meine Privatmuse in verrauchten Hawelka-Nächten den Mitgliedern unseres Künstler-Selbstüberschätzungsvereins als Trophäe zu präsentieren. Mit anderen Worten: ich wollte unbewusst ihr Leben ruinieren. Das hatte vor mir schon ein anderer Chef-Egomane namens Udo Proksch versucht, und mir war in meiner Hybris klar, dass nur eine Ehe mir Zugriff auf das Schleifen und Umschleifen dieses Diamanten nach meinen Faconwünschen bieten würde. Jedenfalls konnte ich Erika von dem, was für mich damals Liebe war, trickreich überzeugen und 1969 haben wir tatsächlich und zum Erstaunen aller, inklusive uns selbst, geheiratet, wobei ich mich ihr gegenüber immer älter gemacht hatte und sie erst bei der Verlesung unserer Daten durch den Standesbeamten erfuhr, dass sie ein ziemlich durchgeknalltes, an so etwas Ähnlichem wie Denkakne leidendes Kind heiratete. Von da an nannten mich einige Medien und alle Hotelportiers für gewisse Zeit und zu meiner uferlosen Freude Herr Pluhar. Ich muss sagen, dass wir für einander anstrengende, aber gute Lehrer waren. Zwei unterschiedliche Arten von Unausgegorenheit sind tagtäglich aufeinander geprallt und den dadurch entstehenden Funkenregen empfand ich doch immer wieder als erhellend.

Erika war einigermaßen plötzlich, so um 1970, der mit Abstand erfolgreichste und begehrteste weibliche Fernsehstar des deutschen Sprachraums. Ich erinnere mich, dass ihre legendäre, noch heute uralt lebende Agentin Erna Baumbauer mir einmal sagte, dass nur Heinz Rühmann eine ebenso hohe TV-Gage beziehe wie Erika Pluhar. Ich rede von einer Zeit, da sich die wesentlicheren filmkünstlerischen Ergebnisse in deutschen Landen bei den noch vom Privatfernsehen unbehelligten Monopolsendern ZDF, ARD, ORF und SRG abspielten. Diese hatten das Geld und die Ambition, Plattform für das Exeptionelle, das Fantasieintensive und oft genug auch für das Sperrige zur besten Sendezeit zu sein. Um 20.15 liefen tatsächlich nicht allzu selten Shakespeare- und Beckett-Verfilmungen und Tschechow und Jean-Paul Sartre und Stoffe von Simenon und Joseph Roth und Stefan Zweig sowieso. Das waren keine von C-Kabarettisten zusammengeschusterten Sitcoms und keine ausgedünnten Low-Budget-Krimis mit Amateurschauspielern und Siegerinnen von Miss-Vöslau-Wahlen als Protagonisten, sondern monatelang subtilst vorbereitete Großproduktionen, mit richtigen Dramaturgen und Drehbüchern von mit dem internationalen Geschehen auf hohem Niveau vertrauten Autoren. Erika spielte fürs Fernsehen die Hauptrollen in Dumas Kameliendame und Schnitzlers Traumnovelle und Remarques Nacht von Lissabon und Torbergs Hier bin ich mein Vater und Maupassants Bel-ami und Fedauts Monsieur Chasse und Ustinovs Endspurt und Georg Saikos Mann im Schilf und Straßenfeger-Thriller Wie Richter in weiß oder Gaslicht und Stoffe von Marguerite Duras und und und – all dies wie gesagt im Fernsehen mit Regisseuren wie Helmut Käutner, Michael Kehlmann, Tom Toelle, Wolfgang Glück und wie sie alle hießen. Das war schon was. Und daneben erlebet man Erika Pluhar im Burgtheater von Publikum und Presse meist umjubelt, als Kassenstar in allen großen Rollen ihres Faches von der Maria Stuart über die Königin im Don Carlos, über die Desdemona, über Hedda Gabler und ihre geliebten Russen: Tschechows Kirschgarten, Gorkis Sommergäste und Turgenjews Ein Monat auf dem Lande und in zahlreichen Uraufführungen von Pinter und Tom Stoppard und Botho Strauß und jene unvergessliche, gelungene Welturaufführung von Musils Schwärmern. All dies unter prägenden Regisseuren dieser Zeit, wie Fritz Kortner, Peter Hall, Leopold Lindberg, Peter Wood, Erwin Achser oder Jüngeren wie ihrem Lieblingsarchitekten Achim Benning oder Provokateuren vom Schlage Neuenfeld.

Eines Nachmittags, 1971, saß bei uns zu Hause in der Huschkagasse ein junger, noch langhaariger Mann und wollte Erika für eine Hauptrolle in seinem ersten 35mm- Farbfilm Die Angst des Tormanns beim Elfmeter gewinnen und sie hat Wim Wenders diesen Wunsch erfüllt. Damit, sagen die Filmtheoretiker, war sie nicht nur mit Moos auf den Steinen eine Geburtshelferin des neuen österreichischen Films, sondern, mit dem frühen Meisterwerk von Wenders und Handke, auch in den Anfängen des neuen deutschen Films tätig. Wenn man diese sehr unvollständige Aufzählung über Erikas künstlerische Taten in der Zeit zwischen etwa 1967 und, sagen wir, 1980 Revue passieren lässt, ist, wie Sie mir sicherlich zustimmen werden, der Ausdruck: „erstaunliche Karriere“ ziemlich tief gegriffen. Dabei hab ich noch nicht erwähnt, dass sie, von mir angestiftet, 1972 begonnen hatte zu singen und innerhalb kürzester Zeit zu einem Hitparaden-präsenten Schallplattenstar aufgestiegen war.

Was aber war die Ursache dieses singulären Erfolges?

Friedrich Torberg schrieb damals in einer Kritik: „Die Pluhar vermittelt in ihrer Darstellung eine Tiefe des Empfindens und eine Höhe des weiblichen Zaubers ohne Gleichen.“ Wäre da nicht auch, frage ich, eine sogenannte Weltkarriere möglich gewesen?

Wir sind einmal 1971 nach Amerika geflogen, haben Henry Miller besucht, von dem es einen Brief über die Wirkung gibt, die diese, damals blonde, vermeintliche Femme fatal, auf den genialen „dirty old man“ ausübte. In Hollywood trafen wir dann den zu der Zeit mächtigsten Schauspieler-Agenten Paul Cohner. Er sagte: „Wenn sie hierher übersiedeln, wäre durchaus einiges zu machen.“ Aber für die Fremde war Erika nicht geeignet. Dazu war sie doch allzu sehr das in Wien verkrallte Kind aus Floridsdorf, das aus inneren Stabilitätsgründen ihre Spaziergänge bei den Weingärten und im Wienerwald benötigte. Wir flogen wieder nach Hause und auch in Wien war durchaus Einiges zu machen: zum Beispiel miteinander unglücklich zu sein. Wir waren, würde ich heute sagen, vor allem deshalb eine Zeit lang ein Ehepaar, damit wir in späteren Jahren, in den Stunden der bitteren Wahrheit, die unsere Biografie für uns noch bereit hielt, einander liebevolle, verlässliche Freunde sein konnten.

Machen wir einen Sprung: Erika hatte so mit Anfang Vierzig sehr viel erreicht, aber noch nicht sich selbst. Sie stand, glaube ich, mit der Weisheit ihrer Seele und den tiefen, klugen Wünschen dieser Seele noch nicht in bestem Kontakt. Sie begann allerdings immer öfter von der Unwürdigkeit des Schauspielerberufs zu sprechen, in dem man so sehr fremdbestimmt ist, letztlich auch als Star stets angewiesen auf den Geschmack, den Einfallsreichtum und die Ernsthaftigkeit Anderer: vom Direktor oder Produzenten bis zum Regisseur, vom Bühnen- oder Filmpartner bis zur Kostümbildnerin und dem Kameramann.

Realtiv bald, vielleicht noch angespornt von ihrer Ablehnung des Benning-Nachfolgers Claus Peymann, den ich immer sehr mochte, ließ sie ihre Schauspielerei ausklingen. Das Liedermachen war mittlerweile ihr ganz eigenes Selbstverwirklichungsareal geworden und den Schallplatten und Konzerten folgten rasch Bücher. Die Schriftstellerei ist in unserem Sprachraum kein überaus geachteter Beruf. Man muss ein Dichter sein und deshalb haben wir auch so viel mediokre Dichter, die unter Umständen, wenn der Leidensdruck, den der Feuilletonkameradschaftsbund auf sie ausübt, weg fiele, gute oder wenigstens taugliche Schriftsteller wären. Erika also, ist so etwas Ähnliches wie eine Bestsellerautorin. Sie schreibt Geschichten, die tatsächlich gebraucht und gelesen werden und die von tiefen Erfahrungen erzählen, die sie leider nicht erfinden muss, sondern ganz und gar selbst durchlebt hat.

Das Berufliche und das Private soll man in einer Lobrede vielleicht nicht so vermischen, wie ich es hier tue, aber Erika Pluhars künstlerische Äußerungen werden natürlich seit Jahren aus den privaten Quellen gespeist. Die vielen Schrecken: vom Selbstmord jenes Menschen, den sie vielleicht am intensivsten liebte, bis zum wahrhaft spektakulären Kriminalgeschehen um den Vater ihres einzigen Kindes, waren da nur

Präludium zu der Hölle aller Höllen, als nämlich dieses wunderbare, zu ihr so sehr mütterliche Kind, die Anna, eines vormittags im Alter von 37 Jahren, im Haus in der Huschkagasse, wie man so sagt, völlig unerwartet tot umfiel. Etwas Schrecklicheres kann sich meine Vorstellungskraft nicht ausmalen. Und wie sich Erika vor der Entscheidung stehend, vor Schmerz verrückt zu werden oder sich in jahrelangem trostlosen Schneckentempo aus der Gemütsfinsternis wieder in lichtere Regionen hoch zu arbeiten, zu Letzterem zwang, und dann oft genug von Rückschlag zu Rückschlag taumelnd irgendwann tatsächlich wieder ein unverlogenes Lachen und ein Staunen über das Singen eines Vogels oder das Eintauchen einer Abendsonne in das Meer erreichte – das ist für mich ihre größte, schwerwiegendste Leistung und ihr Meisterinnenbrief.

Übernächstes Jahr wird sie 70 und sie will es niemandem verheimlichen und hat auch keinen Grund dazu und sagt mit Pablo Neruda: „Ich bekenne ich habe gelebt“. Sie weiß soviel aus erster Hand über Herzensbildung und Grobheit, über die gnädigen Frauen und die Lümmel, über Brahmssonaten und das Wimmern von Schrammelgeigen, über Stürzen und Aufstehen, über Angstrasereien und das Bannen von Dämonen und dass tatsächlich und unabänderlich und leuchtend als unser Zentralgestirn das Größte von Allem die absichtslose Liebe ist.

Meine Damen und Herren, Erika Pluhar verdient jeden Preis – daher auch den Billy Wilder Preis.

André Heller