Missverständnis ist mein Name

Marianne Faithfull


 

Um das Alterswerk großer Künstler ermessen zu können, sollte man das Leben kennen, das darin aufscheint. Also könnte man jetzt kurz noch mal die ganze Geschichte erzählen von Marianne Faithfull, dem Übergroupie der Sechzigerjahre, die "As Tears Go By", eine Ballade, die ihr von den Rolling Stones 1964 geschenkt wurde, so aufreizend brav und gelangweilt sang, dass die halbe Welt durchdrehte. Die Mann und Kind für Mick Jagger verließ, für die aber auch Flirts mit Gene Pitney, Bob Dylan und noch ein paar anderen illustren Figuren verbürgt sind. Die bald eine gefragte Schauspielerin wurde. Man dürfte auch die Drogenrazzias, den Selbstmordversuch und natürlich ihre Heroinsucht nicht unerwähnt lassen, die sie von der Partywelt des Swinging London, also von ganz oben, ziemlich schnell nach unten in die Kaputtheit des Junkiedaseins beförderte, bis sie schließlich, Anfang der Siebzigerjahre, tatsächlich als Obdachlose in London herumgeisterte. Glück und Elend einer Rockstar-Biografie, nur dass Faithfull lange nicht als Rockstar zählte, sondern immer nur als hübsches Anhängsel der Bad Boys, als Kirsche auf deren Kuchen.

Man kann das alles in ihrer Biografie von 1994 nachlesen, einem der schonungslosesten Zeugnisse der Pop-Ära. Irgendwie ist sie dann wieder auf die Beine gekommen und hat seitdem 20 Soloalben veröffentlicht, auf denen sie ihre Geschichte erzählt. Es gibt einen Dokumentarfilm über sie. Man kann sagen, ihr Leben ist ein offenes Buch, für alle, die wissen wollen, was einem alles so blühen kann zwischen Himmel und Erde. Aber eigentlich muss man nur warten, bis Faithfull, inzwischen 72 Jahre alt, auf ihrem neuen Album "Negative Capabilities" zum ersten Mal ihre Stimme erhebt, und man fühlt sich plötzlich sehr, sehr klein.

Es ist eine Stimme, die einen existenziell trifft, obwohl sie weder laut noch wohlklingend im eigentlichen Sinne ist. Sie ist tief, bricht oft, ganz so, als hätte sich das Leben wie Rost in sie eingeschrieben. Faithfull haucht nicht, phrasiert oder lässt nachklingen wie geschulte Sängerinnen. Sie will einen nicht überwältigen oder bezirzen. Sie singt stolz und unbeirrt, mit der Güte und der Gravitas der Davongekommenen. Irgendwo zwischen Edith Piaf und Nico, nur ohne den teutonischen Unterton.

"Missverständnis ist mein Name", heißt es programmatisch gleich im ersten Song "Misunderstanding", dessen dunkel-jenseitige Melodie den melancholischen Ton des ganzen Albums setzt. Hier werden, das merkt man schnell, letzte Dinge verhandelt. Das Altwerden, die verpassten Chancen und verlorenen Freunde. Aber natürlich auch, einmal mehr, ihr Lebensthema: das Ringen mit dem eigenen Image. Faithfull hat auf ihren Alben schon öfter auf ihr Leben zurückgeblickt, niemals aber so letztgültig.


Auch deshalb ist es so berührend, sie auf ihrem neuen Album noch einmal "As Tears Go By" singen zu hören, den Song, mit dem vor über einem halben Jahrhundert alles begann für sie. Dieses kleine Lied, mit dem sich die Twens Jagger und Richards in eine Frau hineingedacht haben, die auf ihr Leben zurückblickt. "I sit and watch / as tears go by". Als sie das damals als 18-jährige junge Frau sang, war es ein Gag der Geschichte. Jetzt, in der neuen Version, mit dem Abstand dieses gelebten Lebens, ist es ganz und gar ihr Lied. Das kann ihr keiner mehr nehmen. "Negative Capabilities" ist das Vermächtnis einer Frau, die keine Träume mehr hat, außer dem, einen schönen Tod zu sterben.

Man muss sich Marianne Faithfull als freie Frau vorstellen.