"Tschusch und auch noch stolz darauf"
 


 

Wo Wien am wienerischsten ist, wird der Balkan lautstark bejubelt. "Natürlich haben wir das vertschuscht, so im Sieben-Achtel-Takt", feixt Slavko Ninić von der Bühne, bevor er den vier Bandkollegen seiner Wiener Tschuschenkapelle den Einsatz zu einer neuen Nummer gibt. Applaus brandet auf.


Tschusch, das ist die abfällige Schmähung, mit der schon in den sechziger Jahren die erste Welle der Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien in Österreich begrüßt wurde.

 

Slavko Ninić hat sie, ganz nach der Methode der subversiven Selbstermächtigung, zu seinem Markenzeichen zweckentfremdet, als handelte es sich um einen honorigen Titel.

Vor 30 Jahren gründete der gebürtige Kroate, der meist mit schwarzem Hut und roter Krawatte auftritt, die Wiener Tschuschenkapelle, eine Combo, die lange vor dem musikalischen Balkanboom und dem wildromantischen Ethno-Kino von Emir Kusturica dem Sound Südosteuropas zu Kultstatus verhalf.

 

Als Frontmann, der mit Schmäh und leicht slawischem Akzent das Bühnenprogramm moderiert, wird der 65-jährige Ninić verehrt – weniger von der migrantischen Community, mit der man ihn verbindet, als von einem bürgerlich-österreichischen Publikum. Es gibt eine eingeschworene Fangemeinde, Auftritte bei Staatsakten, in der Oper und mit den Wiener Philharmonikern. Bei Tourneen und Konzerten zwischen Simbabwe und New York werden die Tschuschen als Kulturbotschafter aus Wien angekündigt. Ninić gilt in solchem Rahmen gern als Vorzeigeexemplar des integrierten Ex-Gastarbeiters – und ist alles andere als das. Die Zuschreibung entspringt meist mehr dem Wunschdenken all derjenigen, die sie bemühen. Nicht einmal Ninić sieht sich als Rolemodel. Denn der Tschusch, der in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, bleibt noch immer ein Sonderfall.

 

"Das Wort Tschusch hat zumindest dieses Gift verloren", sagt Slavko Ninić. "Ich glaube, das ist auch durch uns geschehen, durch den alltäglichen Gebrauch, wenn in den Zeitungen und im Fernsehen über uns berichtet wurde." Ninić weiß, wie das mit den Tschuschen in Österreich früher war. Wie beleidigt er selbst war, als ihn, der in jungen Jahren gerade in Wien gestrandet war, eine Freundin Tschusch nannte. Oder einige Jahre später, als der Bandname auch fortschrittliche Geister gehörig verstörte: "Der Gewerkschaftsbund wollte uns lange nicht engagieren. Die haben geglaubt, dass sie ihre ausländischen Kollegen beleidigen", erinnert sich Ninić.

 

Der Geruch frisch aufgegossener Pfefferminzblätter zieht durch die Wohnung am Rand des siebten Wiener Bezirks, in der Ninić mit dem jüngeren seiner beiden Kinder lebt. Drei Gitarren hängen am Ständer, auf einer rustikalen Holzanrichte stehen Flaschen mit klarem Sliwowitz, den er mit Freunden im Sommerurlaub in Kroatien brennt. Gardinen und Möbel der Wohnung erzählen, dass Ninić schon viele Jahre hier lebt.

 

Im Sommer 1972, als der damals 18-jährige Kroate zum ersten Mal nach Wien kam, hauste er weit weniger komfortabel: 14 Männer in einem Zimmer mit Küche, Gangklo und Bassena. Eine typische Gastarbeiterwohnung dieser Zeit, zur Verfügung gestellt durch die Baufirma von Richard Lugner, bei der Ninić angeheuert hatte. Als Ausbeutung habe er das aber nicht betrachtet, im Gegenteil: "Wir hatten richtig viel Spaß in dieser Zeit."

 

Diese Wahrnehmung hat auch damit zu tun, dass die Geschichte vom typischen Gastarbeiter, der sein Glück in Österreich versucht, auf Slavko Ninić so nicht zutrifft. Aufgewachsen in einem Dorf ganz im Osten des heutigen Kroatiens, nahm er den Job am Bau nur deshalb an, um nach der Matura "etwas zu erleben". Er habe "die Nase voll von den Bücherwelten" gehabt. Der Ausflug in die Hacklerwelt dauerte vier Monate, "dann hat es mir wieder gereicht". In Wien begann er ein Dolmetscherstudium, ging nach zwei Jahren nach Zagreb, studierte Soziologie, kam der Liebe wegen 1979 wieder nach Österreich – und blieb.

 

Deutsch hatte der Bauernsohn schon als Jugendlicher gelernt. Drei Jahre lang besuchte er in einer Art Austauschprogramm mit anderen Kindern aus dem damaligen Tito-Staat ein katholisches Internat am Bodensee. Bis heute arbeitet er in Wien auch als gerichtlich beeideter Dolmetscher für Kroatisch, Serbisch und Bosnisch. "Das ist mein Nebenjob", sagt er, "oder manchmal auch der Hauptjob." Es ergänze sich jedenfalls gut: "So bin ich nicht angewiesen, musikalisch jeden Blödsinn mitzumachen."