Ernst Molden: "Jede Zeit braucht ihre Schmetterlinge"

 

Der Wiener Autor und Sänger Ernst Molden über das Wienerlied, Andreas Gabaliers Heimattümelei und die Antiquiertheit der neuen ÖVP

Als eine Art Poesie-Ethnologe durchforstet Ernst Molden, 52, unermüdlich seine Heimatstadt Wien nach Geschichten, die es wert sind, aufgeschrieben zu werden. Gerade ist sein neues Album "Hurra" erschienen, auf dem Molden ursprünglich an den Ufern des Mississippi entstandene Folk- und Country-Klassiker ins Wienerische übertragen hat. Die Schauspielerin Ursula Strauss absolviert darauf einen Gastauftritt als Provinzrebellin mit "krätziger Wachauer Heurigentochter-Stimme", schwärmt Molden. Daneben hat Molden, der aus der gleichnamigen Wiener Verlagsdynastie entstammt, einen "Asterix"-Comic übersetzt ("Kööch uman Asterix"). Im Deuticke Verlag erscheinen seine für das "Universum Magazin" verfassten Tierkolumnen; der Band "Das Nischenviech" wird am 9. März im Wiener Rabenhof präsentiert. Molden trägt an diesem Nachmittag im Wiener Café Heumarkt wie immer Hut und Sonnenbrille, dazu bunte Ketten von seinen Reisen.

Wienerisch ist die perfekte Songsprache. Die Worte lassen sich im Dialekt viel besser biegen, wie beim Louisiana-Alabama-Englisch. Mir taugt, dass ich mich als verkommener Döblinger-Schnösel, der ich ja bin, im Villenviertel von Sievering problemlos mit einer Hofratswitwe verständigen kann, die wiederum nicht bemerkt, dass ich in den derbsten Bezirken Wiens gewohnt habe. Das ist mir wichtig. Als meine Kinder ins Gymnasium kamen, redeten sie ein TV-Serien-Synchrondeutsch. In der Oberstufe kam der Wiener Sound durch, dieses "bitte ned". Das ist wie mit den Haaren, die im Alter aus der Nase wachsen.

 Seit 25 Jahren bin ich damit beschäftigt, mich von solchen Klischees zu distanzieren, weil ich nichts mit festgefahrenem Schrebergartendenken zu tun haben will: Es gibt einen Ort, da ist es schön, da darf man besoffen und glücklich sein. In der zweiten Strophe heißt es dann oft, dass es früher noch viel schöner gewesen sei. In der dritten geht es schließlich um den Wunsch, an diesem Ort begraben zu werden. Das ist unerträglich resignativ. Ich sehe mich in der Tradition eines Georg Danzer oder Wolfgang Ambros. Auch der amerikanische Folk und der Blues haben mich geprägt.

Gabalier bedient eine Heimatindustrie, die sich durchaus mit dem Dschihadismus vergleichen lässt: eine extrem ausklammernde Haltung, das Beharren einer Gruppe, die eigene Einstellung als das einzig Wahre zu sehen, dazu die radikale Ablehnung von Andersdenkenden, gekoppelt mit grotesker Esoterik, wie sie von vielen FPÖ-Wählern gepflegt wird. Zugleich bin ich dagegen, dass dieses Stadt-Land-Gefälle ständig hochgejazzt wird. Es gibt auch auf dem Land offene und neugierige Menschen - ebenso wie die abstruse Angst, dass die Stadt verdorben und gefährlich sei, ein Hort von Vergewaltigern, die in der U-Bahn auf ihre Opfer lauerten. Wien ist seit mindestens 1500 Jahren ein internationales Pflaster, das gut funktioniert. Die Politik redet das gerade schlecht.

Die Simulation von Heimat, die mit dem Ländlichen an sich nichts zu tun hat. Die Wiener Wiesn, diesen Münchener Klon, braucht doch kein Schwein! Da pilgern Menschen hin, die glauben, dass der Zeitgeist es verlangt, sich wie die Bauernschädeln vor 100 Jahren anziehen zu müssen. Diese Kunst-Trachten passen übrigens perfekt zum neuen rechten Mainstream.

Kurz' Auslassungen über das Aufstehen sind genauso altmodisch wie die gesamte ÖVP. Je türkiser, jünger und hipper sich diese Partei gibt, desto steinerner, älter, verkappter kommt sie rüber. Die Welt ist längst eine ganz andere. Menschen arbeiten auf viele verschiedene Arten. Ganz abgesehen davon ist der Kanzler-Sager auch deshalb absurd, weil wir uns langsam darauf einstellen müssen, dass es in Zukunft vielleicht schlichtweg nicht mehr genug Arbeit für alle geben wird. Die Parteien lügen die Menschen an, und dann verunglimpfen sie all jene, die keinen Job finden. Meine Hoffnung besteht darin, dass sich Wien verstärkt gegen die Bundeskoalition stellt. Mit der Weigerung, die Mindestsicherungswünsche der Regierung zu exekutieren, setzte die Stadt ein unübersehbares Zeichen: Wir wollen eine solidarische Gesellschaft sein, in der man sich um alle kümmert.

Meine Kinder waren das Beste, was mir passieren konnte. Davor hatte ich keine Themen, lebte in den Tag hinein. Durch die Verantwortung meinen Kindern gegenüber wurde mein Leben existentiell. Man schaut als Vater anders auf die Welt. Früher war es mir gleichgültig, wenn ich eine arme Frau mit ihrem Lidl-Sackerl im Park sitzen sah. Durch meine Kinder lernte ich Empathie.