Lukas Resetarits: So politisch ist das neue Soloprogramm "Wurscht"

Lukas Resetarits neues Kabarettprogramm nennt sich "Wurscht" und ist eine clevere, launige und kurzweilige Abrechnung mit der gesellschaftspolitischen Gegenwart.

 

Nach seinem Jubiläumsprogramm „70er - leben lassen“, in dem der österreichische Kabarettpreisträger auf „alte Zeiten“ zurückblickte, geht es nun um die Gegenwart und Zukunft. Da es nach seinen Auftritten immer wieder zu Beschwerden kommt – „da war zu viel, zu wenig Wurscht drinnen!“ –, sichert sich Lukas Resetarits vorneweg erst einmal rechtlich ab: „Wenn Sie sitzen bleiben, akzeptieren Sie automatisch die AGBs. Sie müssen somit gewisse Sachen, die ich hier sage, in Kauf nehmen“, sagt er im locker sitzenden Anzug (getragen von luftigen Turnschuhen) lässig an einem Stehtisch lehnend. "Achtung! Der Kabarettist kann eigene Meinungen entfalten!“, schiebt er nach und leitet damit zur Abrechnung mit dem politischen Status quo über.

Lukas Resetarits kann sich im Gegensatz zu vielen anderen noch genau erinnern, leide nämlich am Gegenteil von Alzheimer, an der sogenannten "Alzberger-Krankheit". "Ich sag' es ihnen, das ist gar nicht einmal so leiwand. Man muss sich immer alles merken." Etwa "die Leistungsträger" der letzten schwarz-blauen Regierung: "Von damals sind ja viele noch nicht im Häfen ...“. Der war gut.

Im Lauf des fast zweistündigen Abends werden die aktuellen Leistungsträger kritisch und humoristisch auseinandergenommen - von der Kürzung der Mindestsicherung über den Umgang mit Flüchtlingen bis zu fragwürdigen Verkehrslösungen: "Bei Rot rechts abbiegen ist politisch ja ganz interessant".

Mit für ihn gewohnt körperlicher Präsenz steht er auf der minimalistisch ausgestatteten Bühne. Neben dem Wasserglas liegen die Texte als Gedankenstütze. Lukas Resetarits kann doch etwas vergessen...

Bei seinem neuen Soloprogramm verzichtet er auf Visuals, Video-Einspielungen - auch das Musizieren lässt er diesmal weg. Lukas Resetarits macht, wenn man so will, Oldschool-Kabarett: Ein Mann. Eine Bühne. Ein Programm, für das man natürlich Eintritt zahlen muss. Denn er sei ja keine Gratiszeitung. Wäre er eine, würde zwar der Eintritt frei sein, "aber ich müsste Inserate von den Ministerien und der Regierungauf mir platzieren. Etwa: 'Komm zur Polizei! - dort kannst du schießen, musst nicht fernsehen'. Blättern Sie mal das Gratisblatt ,Österreich' durch. Das ist ein einziges Panini-Album mit nur einem Spieler: Sebastian Kurz.“

Lukas Resetarits, der sich selbst als "Das Burenheidl des österreichischen Kabaretts" bezeichnet, liefert aber nicht nur kluge wie bissige Kommentare zum Gratisboulevard, der täglich Nichtmeldungen zu Katastrophen-Schlagzeilen aufbläst, sondern blickt auch hinter die Kulissen der PR-Maschinerie der Bundesregierung. "Wenn man irgendwo ,frisch’ oder ,schmeckt’ draufschreibt, glauben das die Leute. Und sollte den Leuten mal etwas nicht schmecken, muss man es ihnen eben schmackhaft machen. Durch Werbung. Ganz nach dem Motto: ,Wos schreiben wir den Trotteln heute wieder auf die Wurscht drauf’“. Der 71-Jährige läuft in diesem Teil des Programms richtig „heiß“  und zu großer Form auf. Allein diese 20 Minuten sind den Eintritt wert.

Zwischen der Abrechnung mit der Regierung gibt es persönliche Erzählungen: Resetarits berichtet aus seiner Stinatzer Kindheit, über seinen ersten Ferialjob in der Ankerbrotfabrik und über seine Leidenschaft für die „Haße“, die besonders gut um halb vier Uhr in der Früh bei eisigem Wind am Würstelstand schmeckt. Damit sorgt er nicht nur für gepökelte Unterhaltung, sondern auch für intimere, nachdenklichere Passagen des Programms, das er erneut mit seiner Tochter Kathrin verfasst hat.

Wurscht“, das 27. Soloprogramm von Lukas Resetarits, ist Hausmarke. Also sowohl intelligent gedacht als auch pointiert formuliert. Seine Analysen zum Kauf- und Paketwahn, der dank Amazon und Co keine Grenzen kennt, sind treffend. Neben dem Konsumwahn bereitet ihm auch die gesellschaftliche Verrohung Sorgen. Soziopathen, die mittlerweile als „positiv besetzter Schlechtmensch“ gelten, regieren mittlerweile die Welt.
Daher beendet Lukas Resetarits den Abend auch mit einem Appell: "Mir könnte ja alles wurscht sein. Mir ist aber nicht alles wurscht. Und ich hoffe, ich bin nicht allein damit." Ist er nicht.

Großer Applaus.

 
 
 


Stadtsaal Wien / März 2019