"Lucia di Lammermoor" mit hohen Tönen und niedriger Spannung 



Neuinszenierung, doch die Schauwerte hielten sich in Grenzen. Regisseur Laurent Pelly, international umtriebig und hierzulande bekannt für einen Komödienerfolg vor zwölf Jahren ("La Fille du régiment"), weiß mit der traurigen Lucia wenig anzufangen. Im gleichen Maße, wie die Titelfigur allmählich in einem Korsett der sozialen Zwänge verendet, nimmt eine starre Personenführung dem Bühnenleben die Luft. Stimmt zwar: Hier wird im Streitfall ein wenig gerangelt, im Liebesmoment umarmt, und Lucia stürzt im Lauf dieser Romeo-und-Julia-Variante fünfmal zu Boden. Dennoch ist Bewegung hier ein knappes Gut, und sie sieht manchmal recht merkwürdig aus, wie im Falle des (ausgezeichneten) Chors im dritten Akt: Auf engen Raum zusammengedrängt und zu einem seltsamen Getrippel gezwungen, macht das Kollektiv den Eindruck eines alarmierten Heringsschwarms.

Auch die Ausstattung lässt das Auge kalt. Ein Machtkampf zweier Adelsgeschlechter im Schottland des 16. Jahrhunderts? Ein altmodischer Regisseur würde da nur so die Reifröcke rauschen lassen, ein provokanter das wankende Haus Ashton vielleicht in einer Bruchbude ansiedeln. Beide Ansätze könnten den Zweistünder von Gaetano Donizetti atmosphärisch beseelen. Chantal Thomas aber setzt sein Bühnenbild in den Sand des Weder-Noch: Im ersten Akt fällt Pulverschnee wie aus einem Zuckerstreuer, im zweiten erinnert eine Wand mit aufgemalten Wolken an die Kunst von René Magritte, und das Knallrot im Schlussakt ist wohl dadurch motiviert, dass gegen Ende reichlich Blut fließt. Dennoch wirkt das alles so beliebig wie blass. Nur einmal wird hier der Kokon der Langeweile durchbrochen, verbinden sich Musik und Theater zum explosiven Gemisch - nämlich in Lucias Wahnsinnsarie. Noch bluttriefend vom Mord an ihrem aufgezwungenen Gatten Arturo, schwebt diese Lucia wie ein weißer Todesengel herein, klingt mit ihrem Irrsinnsgesäusel fast noch entrückter als die Glasharmonika, singt sich in den siebenten Liebeshimmel mit dem geliebten Edgardo und stürzt mit Klangkaskaden in eine blutige Wirklichkeit zurück. Eine Szene wie ein Leistungsnachweis: Das ist es, was Oper kann.

Dabei leistet Olga Peretyatko als Lucia überhaupt Beachtliches. Mag zwar sein: Ihre Stimme ist nicht die größte, bisweilen fehlt ihr auch die letzte Sicherheit in Donizettis Notengebirgen. Ihre Klangsüße vermittelt Lucias Alleinstellungsmerkmal - nämlich Herzensgüte - aber sinnlich, und ihr Koloratursopran setzt in der Höhe prägnante Glanzpunkte. Daneben brilliert Juan Diego Flórez als Edgardo in allen Lagen. Ob Liebeslyrik, Koloraturjubel oder Racheruf: Der Südamerikaner, einst vor allem als Tenor mit der feinen Klinge bejubelt, versteht es, sich heuteauch mit gedrungener Attacke gegen Orchesterausbrüche durchzusetzen und dabei eine noble Klangfärbung zu wahren.

Enrico, auf der Bühne sein Todfeind, aber auch ersehnter Schwager, agiert in Gestalt von George Petean auf Augenhöhe: Ein Mann der kultivierten Klangentfaltung, wenn auch gegen Ende leicht geschwächt. Jongmin Park glänzt daneben als Raimondo mit saftigem Prachtbass, und Lukhanyo Moyake singt den - kurzlebigen - Lucia-Gatten Arturo ordentlich.

Es ist jedoch vor allem Dirigent Evelino Pidò, der dieser Premiere Sinn verleiht: Unter seiner Leitung webt das Orchester nicht bloß einen tönenden Teppich, auf dem die Sänger ihre Belcanto-Saltos schlagen können. Pidò tritt den Beweis an, wie sehr bei Donizetti auch das Orchester singt - gesetzt, man lässt Luft zwischen die Noten, die Melodiebögen zart schwingen und das Blech markante statt schwammige Rufzeichen setzen. Zuletzt viel Jubel für die Sängerriege und den Italiener - den eigentlichen Regisseur des Abends.


Wr. Staatsoper / Februar 2019