Amüsieren wir die Umwelt zu Tode?

Klima kippt - Kreuzfahrt boomt


Das Kreuzfahrtschiff ist der Fetisch des zeitgenössischen Vergnügungs- und Reisekonsumenten. Über die kulturellen und sozialpsychologischen Aspekte des Kreuzfahrens wurde bereits viel Kritisches gesagt, von Autoren wie David Foster Wallace in den USA oder Wolfgang Meyer-Hentrich und Wolfgang Gregor in Deutschland. Auch die ökologischen Folgen sind schon häufig zum Gegenstand detaillierter Kritik von Umweltschutzorganisationen wie dem Nabu, Greenpeace, dem WWF und von Journalisten wie Andreas Orth in Deutschland und Naomi Klein in Nordamerika geworden.

Muss man nicht beides zusammenführen und fragen, in welcher Kultur wir leben, wenn wir so fröhlich in Massen auf umweltzerstörende Freizeit-Passage gehen?
Das ist kein Plädoyer gegen Urlaub und Erholung. Die Idee des Schabbat ist 3.000 Jahre alt und wird von dieser Stelle ausdrücklich gutgeheißen. Aber Kreuzfahrt ist nun mal, anders als Urlaub und Erholung schlechthin, kein "Must-Have", wie Malte Siegert vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sagt. Und deshalb könne man das "auch einfach mal sein lassen".

Klimawissenschaftler rechnen mit einem Kohlenstoffbudget pro Mensch. Das beträgt zur Zeit etwa 2,3 Tonnen Kohlendioxid im Jahr und muss sinken, wenn man die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß begrenzen will.

Sein persönliches Jahresbudget von 2,3 Tonnen CO2 hat aufgebraucht, wer eine neuntägige Hochseekreuzfahrt unternimmt.

Enorme Steigerungsraten bei den CO2-Emissionen

Kaum eine Industrie in Deutschland hat einen so hohen Anstieg des Treibhausgasausstoßes zu verzeichnen wie die Kreuzfahrtbranche. TUI Cruises hatte 2018 eine Steigerung um 4,99 Prozent, 2017 um 25,32 Prozent und 2016 um 25,70 Prozent bei den CO2-Emissionen zu verzeichnen. Aida verbuchte 2017 ein Plus von 14,17 Prozent, 2016 von 7,39 Prozent. Die Gesamtemissionen lagen 2018 bei 748.713 Tonnen CO2. Das entspricht einer Steigerung um 4,57 Prozent im Vergleich zu 2017. Dabei haben sich Staaten und Industrien verpflichtet, ihren Ausstoß zu senken. Das schafft zwar auch die deutsche Automobilindustrie seit Jahren nicht. Aber sie hat zumindest nicht solche Steigerungsraten beim Treibhausgasausstoß.

Die Kreuzfahrtbranche behauptet, trotz der genannten Zahlen, dass sich ihr Ausstoß verringere. Sie verweist auf relative Einsparungen pro Passagier. "Unser Treibstoffverbrauch ist in den letzten 20 Jahren um 70 Prozent gesunken", sagt Helge Grammerstorf, Chef der deutschen Sektion des Kreuzfahrtverbandes CLIA. Nehmen wir einmal zugunsten von Helge Grammerstorf an, dass seine Angabe zur Verbesserung der Energieeffizienz stimmt. Vor zwanzig Jahren gab es rund 300.000 deutsche Kreuzfahrtpassagiere. 2018 waren es 2,23 Millionen, ein Zuwachs um mehr als das Siebenfache. Selbst bei einer Einsparung von 70 Prozent je Passagier hat sich der CO2-Gesamtausstoß der deutschen Kreuzfahrtindustrie in dem Zeitraum mehr als verdoppelt.

Landstrom - auf Kosten der Steuerzahler?

Die Reedereien verweisen auf ihre unablässigen Anstrengungen für den Umwelt- und Klimaschutz. Bis 2030 wolle man den CO2-Ausstoß um weitere 40 Prozent senken. Das ist als relativer Wert gemeint, der sich auf den Durchschnittsverbrauch der Flotte und der Passagiere bezieht. Wie diese zusätzliche Steigerung der Energieeffizienz konkret erreicht werden soll, sagt die Branche nicht. Die Ankündigungen, irgendwann in der Zukunft werde es besser, sind vollkommen unverbindlich.

Fliegen sei noch klimaschädlicher, erklärt der Kreuzfahrtverband CLIA. Das ist richtig.
Leider ist es so, dass Kreuzfahrten häufig am anderen Ende der Welt beginnen. Viele Passagiere fliegen zunächst auf eine Karibikinsel, nach Argentinien oder Singapur, um dann ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen.

Die Analyse der Branchenstrategen scheint eiskalt. Die Kreuzfahrtindustrie braucht kein Feigenblatt.
Die Passagiere kommen auch so.
Sie folgen sogar dem jüngsten Trend begeistert: Kreuzfahrten in die Polarregionen. Auf der Hamburger Touristik-Messe kann man beobachten, wie das läuft. Marketing-Experten der Reedereien präsentieren Bilder von Eisbären und Pinguinen.

Entdecken Sie die wunderbare Tierwelt in Arktis und Antarktis! "25.000 Touristen" habe er schon "zum geografischen Nordpol gebracht", erklärt stolz der "Expeditionsleiter" einer Reederei.

Gleichzeitig gaukelt die Branche jedem einzelnen Passagier vor, "ein Entdecker" zu sein.

Vom Nordpol zum Südpol ist's nur ein Katzensprung

"Ein No-Go" seien Kreuzfahrten in die Polarregionen, sagt Malte Siegert vom Nabu. "Die Polkappen schmelzen in rasender Geschwindigkeit. Die Schiffe verteilen Ruß über das Eis und beschleunigen so den Prozess", erklärt der Umweltexperte.

Vom Klimawandel, der nirgendwo so sichtbar ist wie in der Arktis, fällt bei den Werbevorträgen der Reedereien in den Hamburger Messehallen kein Wort.
Die Kundschaft beißt an. "Das war ein wunderbarer Tag. Wir wurden heute überrannt", sagt Marcel Schütz von "Polar-Reisen".

Anbieter und Kunden scheinen sich einig zu sein: der letzte Eisbär und der letzte Pinguin werden nicht zugrunde gehen, bevor nicht jeder sich persönlich im Rahmen einer Kreuzfahrt von ihm verabschiedet hat.