Madama Butterfly


 




Es ist absolut ein Signal, wenn ein Direktor gleich als seine erste Tat die älteste Aufführung, die es im Repertoire gibt, ablöst. Nun hatte die alte Gielen-„Butterfly“, die ja hauptsächlich aus ihrer konventionellen Ausstattung bestand, ihre ebenso konventionellen Qualitäten: „Vom Blatt“ herunter gespielt, wie es damals üblich war, konnten Sänger sich selbst und ihre Individualitäten voll entfalten, weil das Publikum von nichts abgelenkt wurde. Und an Ablenkungen bietet die neue Produktion (auch wenn sie so neu nicht ist) viel – vor allem im ersten und im letzten Akt kommt man aus dem Schauen und Staunen nicht heraus.

Selbst wenn man die 15 Jahre alte Inszenierung zumindest aus der „Met im Kino“ schon ein paar Mal gesehen hat (am hinreißendsten mit dem Traumpaar Kristina Opolais und Roberto Alagna), fasziniert sie optisch immer wieder. Denn da ist Anthony Minghella, dem mittlerweile auch schon verstorbenen britischen Regisseur (Filmfreunde erinnern sich zumindest an seinen „Englischen Patienten“), etwas Besonderes geglückt. Modern und zeitlos zugleich.

Auch hat Minghella auf die Kunst des Bunraku zurück gegriffen, jenes choreographische japanische Puppentheater, wo die Puppen von „schwarzen“ Männern geführt werden. Mit einer Puppe als Butterflys Sohn erspart man sich die oft auftretende Peinlichkeit der Bühnenkinder, abgesehen davon, dass das Puppenkind oft echter und ergreifender wirkt, als es ein Echt-Menschlein könnte…

So wird die Geschichte der Butterfly, die in ihrem ersten Auftritt auch wie eine Puppe herbei geführt wird und deren Leiche am Ende von Tänzern mit roten Schleiern ausgestellt wird, in eine stilisierte Japan-Welt versetzt, die das Stück vom Realismus (wie ihn die vorige Inszenierung bot) befreit und in eine Welt des blutigen Gleichnisses stellt…

In diese Atmosphäre der Abgehobenheit passt Asmik Grigorian als eine Butterfly eindeutig der anderen, ungewohnten Art. Sie trippelt nicht und sie jammert nicht, sie ist nicht mädchenhaft naiv und nicht herzzerreißend lieb. Der Umriß ihres Schicksals ist von Anfang bis zum Ende pure Tragik, die schwer durch ihre Venen rinnt. Die durchaus eindrucksvolle Starre ihrer Darstellung – schon als Braut scheint sie zu wissen, dass das nicht gut gehen kann – dupliziert sich in ihrem Gesang. Mit einem Sopran, der in allen Lagen von Schärfe begleitet wird (nur nicht im Piano, aber das kommt kaum vor), bringt sie die Dramatik mit Durchschlagskraft, aber nichts an Wärme, nichts an spürbarem Gefühl, nichts an Belcanto, das ja auch im Verismo erlaubt sein muss. Am Ende steht man ihr mit mehr Bewunderung als Anteilnahme gegenüber, so sehr diese ungewöhnliche Leistung auch ihre Meriten hat.

Von Freddie De Tommaso liest man in „OPERNRING ZWEI“, dem monatlichen Magazin des Hauses, das den „Prolog“ der vorigen Ära ablöst, dass er ein Jungspund ist. Beim Vorsingen in Paris hat er so überzeugt, dass man ihn sofort ins Ensemble nahm und ihm gleich die erste italienische Tenor-Hauptrolle anvertraute. Die Stimme ist nicht edel und wird auch nicht edel geführt, aber sie hat die essentiellen Tenorqualitäten – in Geberlaune schmettert er jeden hohen Ton, der ihm des Weges kommt. Feinschliff wird noch gelernt werden, Wien hat glänzende Korrepetitoren.

Am Pult stand gleich zu Beginn Philippe Jordan, ein Musikdirektor, der etwas auf sich hält, betreut die erste Premiere. Besonders liebte er die dramatischen Aufschwünge, dort, wo die Musik aufjauchzt, aufstöhnt, auch aufbrüllt, was nicht heißt, dass von ihm neben solchen Entfesselungen nicht auch feinst ziselierte Stellen zu bekommen waren. Das Problem bei Puccini besteht bekanntlich in den steten, oft abrupten Stimmungsumbrüchen, und das ist eine Frage des Könnens – also fraglos gelungen.

Was ein halb besetztes Opernhaus an Applaus nur aufbieten kann, wurde dieser Aufführung gespendet, und das Bravo-Rufen ließen sich die Opernfreunde auch nicht nehmen, Corona hin, Corona her. Da muss man schon tapfer Widerstand leisten – wie es der Wiener Staatsoper auch mit diesem Abend gelungen ist.



Wr. Staatsoper
September 2020