Carmen ganz auf Verismo getrimmt

 



Vieles spricht dafür, in Bizets Oper Carmen einen kühnen Vorläufer des Verismo zu sehen. Calixto Bieito hat diese Erkenntnis ernst genommen und in seiner inzwischen vielerorts nachgespielten und nun – mit gut 20 Jahren Verspätung – von Staatsoperndirektor Bogdan Roscic auch nach Wien importierten Inszenierung zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen gemacht.

Alles was den Verismo prägt – übersteigerter Realismus, durch Leidenschaft bestimmtes Handeln der involvierten Personen, malerische Charakterisierung der Schauplätze, weitgespannte Melodik bis hin zur folkloristischen Übernahme regionaler wie auch exotisch anmutender Melodien und Rhythmen sowie die drastische Darstellung von Grausamkeit – all das findet sich tatsächlich bereits in Bizets Oper und wird vom Regisseur konsequent umgesetzt.

Das Resultat mag sich zuweilen etwas kolportagehaft ausnehmen, denn die feine Klinge ist hier gewiss nicht am Werk. Radikal aber räumt Bieito mit romantischen Vorstellungen à la „lustig ist das Zigeunerleben, faria, fariaho“ auf und bringt die dahinter liegenden brutalen gesellschaftlichen Verhältnisse ungeschönt auf die Bühne. Außerdem versetzt er die Handlung in die 50-er oder 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. – Warum auch nicht?

Österreich verzeichnet heuer traurigerweise bereits 11 Frauenmorde, in den meisten Fällen ausgelöst durch Eifersucht. Man könnte die Oper also durchaus mit Gewinn auch in der Gegenwart ansiedeln, denn genau diese Thematik wird in Bizets Meisterwerk exemplarisch verhandelt und auf die Bühne gebracht. Kein Wunder, dass das Publikum bei der Uraufführung geschockt war und sich die Oper erst allmählich durchsetzen konnte.

 

Juni 2021